Bibelwort


Liebe Gemeindeglieder,
liebe Freunde,

im Juni beschloss der niedersächsische Landtag, dass der 31. Oktober in Zukunft arbeitsfrei bleiben soll. Im Vorfeld der Entscheidung hatte es eine monatelange Debatte um den Reformationstag gegeben, der im vergangenen Jahr wegen des 500. Jahrestags der Reformation bundesweit als einmaliger Feiertag festgelegt wurde. Katholische Kirche, jüdische Gemeinden und humanistische Verbände hatten sich gegen den 31. Oktober ausgesprochen.

Der Präsident der Jüdischen Gemeinden, Michael Fürst, nannte eine solche Entscheidung sogar nicht nur fehlerhaft, sondern untragbar. Er wies dazu auf antisemitische Ausfälle des Reformators Martin Luther hin.

Ob in einer Zeit, in der Mitgliederzahl der evangelischen Kirchen unter 50% der Bevölkerung sinkt, ein protestantisches Fest zum neuen staatlichen Feiertag werden muss, darüber kann man gewiss streiten. Ministerpräsident Stephan Weil nannte den Gedenktag wichtig für die Geschichte des Landes: Zwar sei die Reformation ein unmittelbar religiös-kirchlicher Anlass gewesen. Ihre Auswirkungen seien aber weit über den kirchlichen Bereich hinausgegangen und hätten die gesamte Gesellschaft erfasst.

Weil mag dabei etwa die Bildungsanstrengungen der Reformation im Blick gehabt haben oder die durch die Luther-Bibel geförderte Entstehung einer gemeinsamen deutschen Schriftsprache.

Weit bedeutsamer scheint mir aber, dass die reformatorischen Prediger mit der Botschaft, dass wir Gott recht sind „aus Gnade um Christi willen durch den Glauben“ landauf, landab für Menschen, die von Todesangst geplagt waren, wunderbar tröstliche Heilsgewissheit vermittelten.

Bei seinem Vortrag „Was ist lutherisch?“ sagte Prof. Dr. Joachim Behrens im vergangenen Jahr in Bad Essen, dass Martin Luther und er – so ausfallend wie der Reformator manchmal werden konnte – wohl keine Freunde geworden wären. Aber Lutherische Kirche sei kein Martin- Luther-Fan-Club, sondern eine Bewegung, die von der durch Luther und seine Freunde wiederentdeckte in Jesus Mensch gewordene Liebe Gottes geprägt sei.

Und so ist das Reformationsfest auch kein Martin-Luther-Heldengedenktag, sondern die Gelegenheit, in Gottesdiensten diese Liebe und Zuwendung Gottes zu seinen Menschen zu feiern und sich neu in die „fröhliche Freiheit der Kinder Gottes“ einzuüben.

Dazu lade ich Sie alle herzlich ein.


Ihr Superintendent

Bernd Reitmayer